Fintech ohne Schattenseiten

Von Dorothea Wurmbrand Stuppach

Es gibt zwar viele Gründer der digitalen Stunde mit hochtrabenden Plänen. Doch Fredy Walker und Adolf Real haben mit ihrem Start-up schon entscheidende Hürden genommen. Sie zielen mit Pintail auf einen Markt ab, der jährlich mehr als 500 Milliarden US-Dollar bewegt.

Bild: Fredy Walker und Adolf Real schaffen neue Finanzlösungen für Migranten. (Bild: Tatjana Schnalzger)

Bis vor Kurzem hat das Liechtensteiner Start-up Pintail die Eckpfeiler geschaffen, die vielen aus der digitalen Wirtschaft das Leben schwer machen: Zum einen das Kapital zu finden, um das Geschäft voranzutreiben, zum anderen die Idee technisch umzusetzen. Inzwischen sind Unternehmen wie die Bank Vontobel, Swiss-Re sowie die Schweizerische Eidgenossenschaft beim Start-up eingestiegen, das Fredy Walker zusammen mit Adolf Real als VR-Präsident gerade gegründet hat. Auch einige private Investoren haben sich beteiligt. 100 Software-Entwickler haben am gesamten System und an der App für das Smartphone gearbeitet, „um eine komplette Bank aufs Handy zu bringen“, wie Fredy Walker sagt. Die App ist marktreif und das Fintech-Unternehmen steht als E-Geld-Institut in den Startlöchern.

Fintechs wie Pintail rütteln die Finanzwelt durch. In der Regel fallen unter den Begriff Firmen, die durch digitale Technologien Finanzdienstleistungen erbringen. Eigentlich wurde den neuen digitalen Spielern Grosses zugetraut. Doch Fintech-Unternehmen tun sich zumindest in den westlichen Industrieländern oft schwer, in kurzer Zeit so viele Kunden zu gewinnen, dass sich ihr Geschäft lohnt. Sie erzielen nicht ausreichend Skaleneffekte. Fintech-Unternehmen in den USA, Europa und Asien haben im ersten Quartal 2017 insgesamt zwar 2,7 Milliarden US-Dollar Wagniskapital eingesammelt. Die Investitionen schwächen sich leicht ab. Sollte das Volumen nicht noch deutlich zulegen, dann besteht die Gefahr, dass in diesem Jahr rund 18 Prozent weniger in Fintechs investiert wird. Allerdings kommt es zu einer essenziellen Verschiebung: Die Investitionen in Europa steigen.

Das Wettrennen beginnt

Diese zwei Faktoren sprechen genau für das Liechtensteiner Start-up: 10 Millionen an Investitionsgeldern flossen bis jetzt in das Fintech. Die Finanzierung scheint dem Unternehmen leichtzufallen. Zudem liegt der Zielmarkt nicht in den westlichen Industrieländern, sondern Walker will vor allem die Schwellen- und Entwicklungsländer erobern. Das Wettrennen hat längst begonnen, wobei Geschwindigkeit in vielerlei Hinsicht Trumpf ist.

Pintail hat im diesem Wettlauf bereits entscheidende Hürden genommen: Das Start-up ist von der Finanzmarktaufsicht Liechtenstein (FMA) reguliert und hat eine Lizenz als E-Geld-Institut. „Wir können mit der Lizenz in ganz Europa tätig sein“, sagt Walker. Die App ist bereits voll entwickelt, die gesamte Infrastruktur steht genauso wie ein Netzwerk. 20 Mitarbeiter setzen das Projekt um. In nur wenigen Sekunden kann Geld versendet werden. Die Geschwindigkeit komme laut Walker einem Quantensprung gleich. Die IT ist komplett ausgelagert. „Es ist sicherer als ein Grossbankensystem“, schwärmt Walker. Er kommt von der Zahlenseite und blickt auf 35 Jahre Erfahrung im Bankensektor zurück, davon 25 Jahre alleine bei der grössten Schweizer Bank UBS. Seit zehn Jahren ist er selbstständig und fokussiert auf digitale Technologien im Finanzsektor. „40 Prozent der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu Finanzservices“, erklärt Walker. Entweder weil es sie schlichtweg nicht in ihrer Nähe gibt oder weil sich der durchschnittliche Arbeiter diese gar nicht leisten könne. Walker sieht darin einen grossen Markt. Gleichzeitig zeigten Studien, dass Finanzservices wichtige Voraussetzungen für Wohlstand sind. Mobile Bankgeschäfte ersetzen die fehlende Infrastruktur, das fördert Wachstum. Die Frage ist dabei immer, ob diese neuen Geschäftsmöglichkeiten nicht von den etablierten Grossen wie Facebook und Google schneller erobert werden können. Sie haben immerhin das nötige Kapital. Der Liquiditätsbestand (Cash) von Apple beispielsweise ist so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt von Finnland. Für Fredy Walker stellt das keine Gefahr dar: Zu sehr richten sich die grossen Konzerne auf schnellen, einfachen Gewinn aus.

Besonders ins Auge gefasst hat Walker in der Startphase den Markt der Migranten. Ein Mann aus Marokko lebt zum Beispiel in Frankreich und überweist jeden Monat einen kleinen Teil seines Lohns an seine Familie nach Hause, damit seine Kinder eine Ausbildung absolvieren können. Oder mit dem Geld, das sein Sohn aus Deutschland sendet, kann ein Vater ein kleines Unternehmen in Afrika aufbauen.

Sozialer Ansatz mit Wirkung

Geldüberweisungen von Migranten in ihre Heimatländer, sogenannte Remissen, sind der Treibstoff für Millionen Karrieren und Ausbildungschancen. In der Regel sind es bescheidene Geldflüsse pro Migrant. Durchschnittlich 300 Euro gehen pro Geldtransfer zum Beispiel von Europa aus in die Welt. In der Summe werden diese Geldflüsse zum gewaltigen Strom: „Laut der Weltbank sind es 250 Millionen migrierte Arbeitskräfte, die jedes Jahr rund 500 Milliarden zu ihren Familien und Verwandten ins Herkunftsland senden“, sagt Walker. In der Regel machen das Arbeitsmigranten über amerikanische Bargeldtransfer-Dienstleister wie Western Union. Das Unternehmen alleine kommt auf einen Jahresumsatz von 5484 Milliarden US-Dollar. Die Gebühren belaufen sich laut Walker bei solchen Services in der Regel auf 10 Prozent.

Umgerechnet sind das 50 Milliarden an Gebühren, die der Wirtschaft in den Entwicklungs- und Schwellenländern entzogen wird. „Damit können wir einen Beitrag leisten, dass mehr Menschen in ihren Ländern bleiben können“, erklärt VR-Präsident Adolf Real. Für ihn ist Pintail nicht nur ein Unternehmen, sondern eine Art modernste Entwicklungshilfe. Der Grossteil der Remissen fliesst nämlich in Entwicklungsländer. Das ist dreimal so viel Geld wie die gesamte offizielle Entwicklungshilfe aller OECD-Staaten pro Jahr (rund 140 Milliarden).

Ein Markt mit Hürden

Adolf Real ist felsenfest vom Erfolg des Fintechs überzeugt. Die Crux ist nur, dass Regulierungzwänge dominieren. Das bedeutet wiederum, dass Pintail seine Kunden kennen muss – wenn diese jährlich mehr als 2500 Franken überweisen. Due Diligence oder Know-Your-Customer (KYC) nennen das Banker. Walker ist sich dennoch sicher, Pintail könne dies mit wenig Personalaufwand stemmen. Der Skaleneffekt ist eine weitere Herausforderung. „Es ist ein reines transaktionsgetriebenes Business mit sozialem Ansatz und minimalster Marge“, erklärt Walker. Doch eine Trend macht sich bemerkbar, der dem Start-up in die Hände spielt: Mehr als 650 Millionen Menschen in Afrika nutzen zum Beispiel ein Mobiltelefon. Das sind mehr als in Europa oder in den USA. Beim Geldtransfer über Handy sind afrikanische Unternehmen weltweit führend.

Als ersten Zielmarkt hat Pintail Marokko bestimmt. Hier arbeiten sie bereits mit einer Bank zusammen, die das „cash-out“ an 1000 Standorten anbietet. Das Netzwerk soll Land für Land wachsen. Dafür sucht Pintail weiter nach Investoren. Bestimmte Businessmodelle von Fintechs sind noch auf das Bankennetzwerk angewiesen. Das zeigt zum Beispiel die Entwicklung von Lending Club, der Kredite von einer Privatperson zur anderen vergibt (Peer-to-Peer). Bei seinem Börsendebüt konnte das Fintech 900 Millionen frisches Kapital aufnehmen. Doch die meisten Darlehen kommen nicht von Privatpersonen, der Grossteil stammt von institutionellen Investoren.

 

 

Fintech-Standort Liechtenstein

Zurzeit haben fünf Fintechs eine Bewilligung in Liechtenstein. Vier davon sind bereits operativ tätig: Drei als E-Geld-Institut, eines als Versicherungsvermittler und eines als AIFM. Darüber hinaus sind aber auch Fintechs, die keine Bewilligung der FMA benötigen, in Liechtenstein aktiv. Insgesamt sind in Liechtenstein 13 Unternehmen tätig, die dem Fintech-Bereich zugeordnet werden können. Zum Vergleich: In der Schweiz haben insgesamt 190 Fintech-Unternehmen ihren Sitz. Der Grund, warum sich die Pintail AG für einen Sitz in Liechtenstein entschieden hat, liege laut Fredy Walker darin, dass er als Liechtensteiner Fintech-Unternehmen im Gegensatz zur Schweiz über einen EWR-Zugang verfüge. Darüber hinaus fördert die Finanzmarktaufsicht Liechtenstein aktiv die Ansiedlung von Unternehmen aus der Finanztechnologie. Im vergangenen Jahr hat die FMA ein Regulierungslabor für Fintechs eingerichtet, das in Zusammenarbeit mit der Regierung zur Förderung der neuen Finanztechnologien aufgebaut wurde. Liechtenstein sei zu einem gefragten Fintech-Standort geworden, unterstreicht die FMA, die im ersten Jahr des Regulierungslabors bereits 17 derartige Projekte zu bearbeiten hatte. Adolf Real betonte als Verwaltungsratspräsident der Pintail AG, dass er es noch nicht erlebt habe, wie lösungsorientiert die Aufsicht war. „Sie wollten helfen“, betont er. Andere Länder und Hubs sind Liechtenstein dennoch eine Nasenlänge voraus: Letztes Jahr konnten Schweizer Finanztechnologie-Start-ups ein Investitionsvolumen von 168,05 Millionen Franken anziehen.

Die Geschäftsfelder der neuen Fintech-Unternehmen, von denen einige ihren Betrieb schon aufgenommen haben, umfassen Zahlungs- und E-Geld-Dienstleistungen, Crowdfunding und Crowdinvesting, Blockchain und virtuelle Währungen.

 

Der Text ist zuerst in der Wochenzeitung Wirtschaft regional erschienen. 

Neues von unseren Partnern

15.11.2017 - Kulturelle Werte und Gebautes – ein Wechselspiel

Die Leiterin der Akademie Bauhaus Dessau, Dr. Regina Bittner, spricht am zweiten Campus Gespräch der öffentlichen Reihe «Mehr Wert» an der Universität...

10.11.2017 - MiFID II/MIFIR – „Ready for Take-Off.“

Der Propter Homines Lehrstuhl für Bank- und Finanzmarktrecht bietet ab 16. November 2017 eine letzte Chance, sich in einem sechstägigen Intensivkurs...

09.11.2017 - Kinder-Uni Liechtenstein: Internet hautnah erleben

Am 8. November lockte das aktuelle Thema Internet 73 Kinder und 26 Eltern an die Universität Liechtenstein. Die 8- bis 12-Jährigen erlebten in einem...

07.11.2017 - Infotag der Universität Liechtenstein

Die Universität Liechtenstein lädt am Samstag, 25. November, zwischen 13 und 16 Uhr, zum Infotag. Persönliche Beratung durch Experten sowie...

01.11.2017 - Universität Liechtenstein nimmt an POTENTIALE teil

Vom 9. bis 12 November findet in Feldkirch wieder die POTENTIALE statt und die Universität Liechtenstein nimmt mit dem Institut für Architektur und...

Weitere Nachrichten von unseren Partnern
Mit unserem Partner Vaterland/Wirtschaftregional