Gebäude und Mensch müssen sich verstehen

Von Yvonne von Hunnius

Heute werden Energieeffizienz-Massnahmen in Gebäuden rein technisch geplant. So, als sei es nicht der Nutzer, der diese zum Erfolg führt oder scheitern lässt. Jörn von Grabe von der Universität Liechtenstein will das ändern: Er schaut sich die Bedürfnisse der Menschen genau an und leistet dabei Pionierarbeit

Bild: Wärmebild eines Hochhauses (Martin Abbeglen/Flickr/Creative Commons)

Der Plan ist perfekt, doch dann kommt der Mensch. „Bei zwei baugleichen Gebäuden kann das eine dennoch das Doppelte an Energie des anderen verbrauchen“, sagt der Bauingenieur Jörn von Grabe. Das zeigt: Energiesparmassnahmen sind immer nur so gut wie sie zu den Nutzern passen. Trotzdem fokussiert sich die Forschung immer noch stärker darauf, welche technischen Hebel noch auszureizen sind, als sich die Bedürfnisse der Menschen genauer anzuschauen. Von Grabe eröffnet mit seiner Arbeit an der Universität Liechtenstein neue Perspektiven, indem er das Handwerkszeug der Ingenieure kontinuierlich erweitert. „Gerade psychologische Ansätze helfen zu verstehen, wie Menschen Gebäude bedienen. Dann können wir auch versuchen, die Menschen subtil, aber zielgerichtet zu einem energieeffizienteren Verhalten zu führen.“

Modelle müssen Menschen einbeziehen

Die technische Logik ist einfach: Gerade in kälteren Gefilden wie den unseren gehören beispielsweise Fenster zum festen Bestandteil der Heizenergieberechnung. Der Sonnenschutz verhindert im Sommer eine zu grosse Aufheizung; im Winter muss die Sonne ins Haus dringen und trägt zur Beheizung bei. Doch hier wird die Rechnung ohne den Nutzer gemacht. Von Grabe sagt: „Wenn ich am Computer arbeite, brauche ich auch im Winter Sonnenschutz – oder vielleicht will ich einfach nur unbeobachtet sein und schliesse deshalb die Storen.“ Unter diesen Umständen rücken die Zahlen optimaler Energieeffizienz schnell ins Reich der nicht realisierbaren Ziele.


Komfort und Funktionalität im Zentrum

Entspricht ein Gebäude nicht den Bedürfnissen der Nutzer, wird es nicht akzeptiert. Aber welche Bedürfnisse sind besonders wichtig, wenn es um das Verhalten in einem Gebäude und somit die Energieeffizienz geht? „Das weiss ich, wenn ich den Kontext kenne, die Nutzung beobachte und auch Erkenntnisse aus der Psychologie miteinbeziehe“, sagt von Grabe. Übergeordnet sieht er die Bedürfnisse nach Komfort und Funktionalität als entscheidend an. Menschen wollen es sich möglichst behaglich machen und in der Lage sein, ihre Tätigkeit möglichst mühelos zu verrichten. Wer genauer hinschaut, erkennt teils auch den Wunsch nach Privatsphäre oder Sicherheit. Steht dem eine Energieeffizienzmassnahme entgegen, hat sie keine Chance, denn die individuellen Bedürfnisse sind dem Einzelnen viel wert.

So ist es im Fall des Sonnenschutzes keine Lösung, einen Automatismus einzubauen und zu verhindern, dass die Storen individuell bedient werden können. „Entspricht ein Gebäude nicht den Bedürfnissen der Nutzer, wird es nicht akzeptiert. Dann steht es leer und wird vielleicht weit früher durch ein neues ersetzt, als es nötig wäre“, sagt von Grabe.


Gebäudeintelligenz der Zukunft

Technische Grössen wie die Dämmstärke einer Wand sind leicht in eine Simulation zur Energieeffizienz zu integrieren. Beim Faktor Mensch ist das unvergleichlich komplizierter. „Ohne ihn sind Modelle jedoch zu weit von der Realität entfernt», sagt von Grabe. Sein Ziel ist, die Beobachtungen in Verbindung zu bringen mit messbaren Grössen und somit Simulationen näher an die Realität zu bringen. Gelingt dies, kann die Gebäudeplanung das Potenzial von Energieeffizienzmassnahmen besser ausschöpfen. Von Grabe: „Heutige Systeme sind zwar ausgetüftelt, aber noch nicht smart oder intelligent – dahin kommen wir erst, wenn wir die psychologischen Zusammenhänge verstanden haben.“

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der November 2016 Ausgabe des Wissensmagazins Denkraum der Universität Liechtenstein.

 

Bild: Martin Abbeglen, Flickr/Creative Commons

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