Ideenschmiede mit Herz und Sinn

Von Katja Fenkart

Der Ideenkanal setzt seit 2010 kreatives Potential frei und unterstützt engagierte Persönlichkeiten bei der Umsetzung von sinnstiftenden Ideen. Dieses Jahr geht er in die zehnte Runde und besinnt sich auf seine Liechtensteiner Wurzeln zurück.

Frooggies stellt gefriergetrocknetes Fruchtpulver ohne Zusatzstoffe her. (Bild: Frooggies)

Auf den ersten Blick scheint gefriergetrocknetes Fruchtpulver, orangefarbene Fahrräder und einen mobilen Ofen für nachhaltiges Brot nicht viel zu verbinden, doch es gibt einen gemeinsamen Nenner. Die schlauen Köpfe, denen die Projekte – Frooggies, FreeVeloPoint und Eigenbrötler – entstammen, waren alle Teilnehmer des Ideenkanals. Dieser hat es sich zum Ziel gemacht, engagierte Menschen bei der Realisierung von sinnstiftenden Ideen zu unterstützen und auf diese Weise einen Beitrag zu sozialer Innovation zu leisten.

Von der Idee zur Wirklichkeit

Die Geschichte des Ideenkanals beginnt mit zwei frischgebackenen Universitätsabsolventen, die an das Gute in der Welt glauben und eine Vision haben. „Wir haben gemerkt, dass gute Ideen oft auf viel zu hohe Hürden stossen“, erzählt Mitbegründer Stephan Schweiger. Da er und Christof Brockhoff sich damit nicht abfinden wollten, gründeten sie den Ideenkanal, der 2010 in die erste Runde ging. Ein Ideenförderungsprozess war geboren, in dem nicht Businesspläne, Eigenkapital und Know-How im Vordergrund standen, sondern das Herzblut, das in die Projekte floss.

Diesem Grundgedanken folgt der transparente und unbürokratische Ablauf – ganz ohne komplizierte Anträge. Alles, was es braucht, ist eine Idee, die in oder von Liechtenstein aus umgesetzt werden soll. Diese wird in wenigen Sätzen beschrieben und auf der Website veröffentlicht, wo in weiterer Folge für die Idee gestimmt werden kann. Die Kreativköpfe mit den 20 besten Ideen bekommen im Ideencamp die Gelegenheit, mit Mentoren, Coaches und Künstlern zusammen zu arbeiten. Die besten zehn werden beim Aufbau einer Crowdfunding-Kampagne unterstützt. Auf diese Weise kann jeder, der an ein Projekt glaubt, aktiv zu dessen Finanzierung beitragen.

Die Gemeinschaft als Motor

Ein wichtiger Grundpfeiler des Ideenkanals ist der Austausch untereinander. „Wir sprechen immer von einer win-win-win-Situation“, erklärt Schweiger. So können nicht nur die Ideengeber von der Hilfe der Mentoren profitieren, sie können sich auch mit ihren Mitstreitern austauschen. Gleichzeitig haben die Mentoren die Möglichkeit, ihr Netzwerk zu erweitern. „Bei uns darf alles in der Gemeinschaft entstehen“, sagt der Alumnus. Einer, der die Unterstützung hautnah miterlebt hat, ist Simon Egger. Mit seiner Idee eines freien Fahrradverleihs konnte er sich 2015 als Gewinner durchsetzen. Die Ideenkanal-Gemeinschaft habe ihn motiviert und unterstützt – sowohl durch „positiven Zuspruch, Gleichgesinnung und Interesse als auch durch praktische Hilfe“.

Zurück zu den Wurzeln

Während das Veloprojekt seine Fühler in Zukunft auch nach Vorarlberg und in die Schweiz ausstrecken will, kehren Schweiger und Brockhoff zu ihren Wurzeln zurück. Nachdem der Ideenkanal aufgrund des grossen Anklangs auch über die Grenzen hinweg adaptiert wurde und in Vorarlberg, Tirol, Oberösterreich und der Ostschweiz stattfand, wird heute der Liechtenstein-Bezug gross geschrieben. „Wir haben wertvolle Erfahrungen im Ausland gesammelt, konzentrieren uns jetzt aber wieder auf Liechtenstein“, sagt Schweiger. Ein Hauptgrund dafür sei, dass die Gegebenheiten im Fürstentum ihnen vertrauter seien und sich dadurch besser Netzwerke schaffen liessen. So könne mehr bewirkt werden.

Erfindergeist mit Köpfchen

Das Fürstentum bietet ein ideales Umfeld für den Ideenkanal dar. Der Kleinstaat investiert viel in Bildung - und das zahlt sich aus. Die GUESSS-Studie, die die Gründungsabsichten von Studierenden auf internationaler Ebene erforscht, zeigt: Bereits 15,7 Prozent der Studierenden an der Universität Liechtenstein sind Gründer. „Erfindungen und Bildung sind schon immer Stärken von Liechtenstein gewesen“, sagt Schweiger. Auch Egger sieht gute Voraussetzungen: „Als wohlhabender Kleinstaat auf der einen und überschaubare, vernetzte Gemeinschaft auf der anderen Seite, birgt Liechtenstein viel Potential“.

Potential haben auch die in diesem Jahr eingereichten Ideen. Die Palette reicht vom ökologischen Online-Shop über individuelles Bauen bis hin zu Dialekt-Bilderbüchern. Welche zehn der insgesamt 50 Ideen es ins Finale schaffen werden, ist noch offen. Realisiert werden können sie alle: „Jeder, der seine Idee einreicht, kann den Ideenkanal nutzen, um sich sein eigenes Mikronetzwerk aufzubauen“, so Schweiger. So viel ist sicher: Manche Ideen werden schon bald ihren Kinderschuhen entwachsen.

 

 

FreeVeloPoint

Der Ideenkanal-Finalist Simon Egger liess seine Idee vom ersten Fahrradverleih-System in der Region Liechtenstein zur Realität werden. Das Konzept: Gebrauchten Fahrrädern wird neues Leben eingehaucht – sie werden repariert, in einem einheitlichen Orange lackiert und der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Das Projekt lebt von ehrenamtlichem Engagement und freiwilliger Unterstützung. FreeVeloPoint ist ein Projekt von der Bevölkerung für die Bevölkerung», sagt Egger.

Im Unterschied zu herkömmlichen Modellen werden die Fahrräder von Menschen gespendet, die sie nicht mehr brauchen, sie aber auch nicht im Keller verstauben lassen wollen. Jedes Velo ist einzigartig – und trägt einen liebevoll vergebenen Namen. Ob antik-anmutendes  Damenrad oder modernes Mountainbike: Es ist die individuelle Vielfalt, die dem nachhaltigen Projekt eine persönliche Note gibt.

Vom Velo-Projekt profitieren kann jeder: Nach der Registrierung per SMS erhält man einen Code für das Schloss – und schon kann in die Pedale getreten werden. Der Erfolg gibt dem Projekt Recht, das auf Umweltfreundlichkeit und Gesundheitsförderung setzt. Waren es beim Startschuss im Juni 2016 noch 15 Fahrräder in drei Gemeinden, warteten bald schon 40 Velos in zehn Stationen auf alle, die nachhaltig von A nach B kommen wollten. Auch das Geschäftsgebiet hat sich erweitert: Seit Anfang August stehen die orangen Flitzer in allen Gemeinden im Tal bereit. In die Saison 2017 soll mit doppelt so vielen Bikes gestartet werden – an doppelt so vielen Standorten. 

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