So beflügelt Verantwortung

Von Yvonne von Hunnius

Was Studierende schaffen, wenn sie als Partner auf Augenhöhe behandelt werden und ihnen grösstmögliche Freiheit gewährt wird, zeigt die neue Modellbauwerkstatt der Universität Liechtenstein. Die sogenannte Werkstatterei ist ein Unikat – von Studierenden erdacht und errichtet.

Die Werkstatterei grenzt direkt an das Gebäude der Universität Liechtenstein. (Bild: Bruno Klomfar)

Von harter Arbeit von sieben Uhr morgens bis in die Abendstunden konnten sie nicht genug bekommen. „Gerade in der Endphase des Projektes war ich immer traurig, wenn ich nicht auf die Baustelle konnte, dann verpasste ich zu viel“, sagt Viviane Göbel. Die 24-jährige Architekturstudentin der Universität Liechtenstein war eine von zehn Studierenden, die das Kernteam des Experiments rund um die Werkstatterei bildeten. Architekturprofessor Urs Meister bezeichnet es als Reise vom ersten Strich bis zum fertigen Bau, auf den sich die Studierenden begeben haben. Er fungierte gemeinsam mit den beiden Dozierenden Carmen Rist-Stadelmann und Christoph Frommelt als Reisebegleiter. Das Ergebnis lässt sich hinter der Universität bewundern: Es ist ein 72 Quadratmeter grosses und knapp fünf Meter hohes Holz-Gebäude entstanden – nicht nur ein Unikat, sondern auch ein echter Hingucker.

Statik wird spürbar

Zu sehen ist zunächst ein architektonisches Unikat. 320 Lamellen à fünf Meter gestalten in gebogenem Zustand durch ihre Spannung die Grundkonstruktion. Den einen erinnert das an einen Schiffsrumpf, den anderen en eine skandinavische Kathedrale. Lichtbänder am First tauchen das Innere in eine fast sakrale Lichtstimmung. Im regulären Hausbau ist dieses Lamellen-Prinzip nicht zu finden: Aus Holz werden so etwa unterspannte Hängebrücken konstruiert. Das filigrane Äussere steht aber nicht im Widerspruch zur geschäftigen Zukunft des Gebäudes. Studierende werden hier bald ihre Architekturmodelle konstruieren. Bandsägen und Schleifmaschinen stehen bereit. Bei dieser Arbeit kann die Architektur beflügeln, meint Christoph Frommelt. „Hier wird die Statik sichtbar und spürbar“, sagt er. Denn Hülle und Konstruktion sind Eins geworden. Dabei wird bis an die Grenze dessen gegangen, was Holz leisten kann.

Teamarbeit im kompletten Prozess

Dahinter könnte mancher ein prominentes Architekturbüro vermuten. Doch es waren Studierende, die das Gebäude entworfen, geplant und umgesetzt haben. Und das macht die Werkstatterei zum Unikat in weiterem Sinne. Der Prozess begann im Oktober 2016. Gesetzt war neben den Grössenordnungen lediglich das Material Holz. Liechtensteiner, niederländische und schottische Studierende haben im Rahmen eines Erasmus+-Workshops experimentelle Prototypen erstellt. Im März 2017 entschied eine Jury, welche Struktur es werden sollte. Die Detailplanung und der Bau lagen dann in den Händen von zehn fortgeschrittenen Studierenden um Urs Meister. Unterstützt wurden sie von rund fünfzig Studierenden des Entwurfsstudios von Carmen Rist-Stadelmann aus dem ersten Semester. An unterschiedlichen Tagen eingeteilt, wurden alle soweit wie möglich in den Prozess integriert und man kam konstant voran.

„Das war eine grosse Teamleistung“, sagt Christoph Frommelt. Niemand im Kernteam ist ausgebildeter Handwerker. Viele Experimente wiesen den Weg zu Lösungen. Frommelt betont: „Besser als an einem solchen Projekt kann man Holzbau nicht lehren.“

Selbsterfahrung als Prinzip

Wie das in der Praxis aussah, zeigt ein Beispiel aus der Anfangsphase des Projekts. Frommelt ist Geschäftsleiter des gleichnamigen Liechtensteiner Holzbau-Unternehmens, in dessen Werkstatt die Studierenden die hölzerne Grundstruktur des Gebäudes vorproduzieren durften. Hierfür mussten fünf Meter lange Holzlamellen gebogen werden. In geringerem Durchmesser lassen sich diese noch ohne Hilfsmittel biegen – werden die Lamellen stärker, geht nichts mehr ohne eine sogenannte Lehre. Viviane Göbel erinnert sich: „Wir haben das fast einen Tag lang ohne Lehre versucht und sind stets gescheitert.“ Erst als klar war, dass es so nicht weitergeht, gaben die Betreuer den entscheidenden Tipp.

Vorbereitung auf ein Architektenleben

Für Urs Meister ist bei solch einem Prozess wichtig, dass auch Experten nicht immer die beste Lösung für ein Problem parat haben. „Die Entwicklung des Baus konnte niemand wirklich voraussehen. Da kommen Fragen auf, die experimentell beantwortet werden müssen“, sagt Meister. Und wie bei jedem Bauprojekt würden eine Vielzahl von Stimmen laut; entscheidend sei letztlich deren Essenz, die sich im Prozess ergibt. Eine Lehre für ein Architektenleben.

Dazu gehört auch, dass man durchhält, wenn es harzig oder stressig wird. Die Aufrichte des Grundgerüstes auf dem Universitätsgelände war fulminant – nun sahen die Studierenden ihre Planungen Realität werden. Darauf folgte eine Phase langwieriger Ausbauten und schwieriger Entscheidungen. Hier galt es, motiviert und konzentriert bei der Sache zu bleiben.

Jeder Schritt ein Abenteuer

Insbesondere heikel war der Fassadenabschluss, den Viviane Göbel gemeinsam mit Kerstin Thurnher bearbeitete. Auf die heutige Lösung sind sie gekommen, weil Göbel in ihrer Bachelorarbeit über das Projekt auch auf feingliedrige japanische Holzkonstruktionen eingegangen war. „Über viele Modelle haben wir eine Fensterfront entwickelt, die die Konstruktion des Gebäudes aufnimmt“, sagt Göbel. Doch wie sollten sie die exakten Masse für die letztliche Glas-Bestellung errechnen? Es mussten riesige Schablonen im Eins-zu-eins-Format angefertigt werden, um Mass nehmen zu können. Dass am Ende sogar der Zeitrahmen bis zur Einweihung im Juli perfekt eingehalten wurde, lag auch an der Unterstützung von vier Profis aus Frommelts Unternehmen.

Inspirationsquelle für Architektur

Was die Studierenden beflügelt hat, war das Vertrauen, das in sie gesetzt wurde. Es gab Besprechungen, Zwischenkritiken, die Betreuer besuchten regelmässig die Baustelle, doch das junge Team verantwortete die Fortschritte. Laut Kerstin Thurnher existierte die Freiheit, Entscheidungen für die Umsetzung des Entwurfes komplett selbst zu treffen. „Es war kein fiktiver Entwurf mehr, wir hatten Verantwortung für ein Gebäude, das die Studenten an der Universität Liechtenstein noch lange begleiten wird.“ Dabei ist die Werkstatterei nicht nur eine Inspirationsquelle für die Benutzer geworden, sondern auch für diejenigen, deren Herzblut in ihr steckt. 

 

Dieser Artikel ist zuerst im Wissensmagazin der Universität Liechtenstein „Denkraum“ erschienen.

Bild: Bruno Klomfar

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